Matter Server 9.0: Home Assistant stellt auf matter.js um
Mit der Version 9.0 des Matter Server Apps hat das Home-Assistant-Projekt den technischen Unterbau seiner Matter-Integration vollständig ausgetauscht. An die Stelle des bisherigen Python-Servers, der auf dem offiziellen C++-SDK der Connectivity Standards Alliance aufsetzte, tritt nun matter.js, eine in TypeScript geschriebene Implementierung des Matter-Standards.
Vorgestellt wurde der neue Server am 23. Juni 2026, verteilt wird er als reguläres Update des Matter Server Apps über die Update-Verwaltung von Home Assistant. Das Update selbst muss aktiv installiert werden, die anschließende Datenmigration läuft dann ohne weiteres Zutun der Nutzer ab. Der Wechsel versteht sich als vollständig kompatibler Drop-in-Ersatz, der auf der Oberfläche zunächst kaum sichtbar ist, unter der Haube jedoch fast alles verändert.
Warum der Matter Server neu geschrieben wurde
Hinter matter.js steht der Entwickler Ingo Fischer, der das ursprünglich als Hobbyprojekt gestartete Framework 2025 an die Open Home Foundation übergab und dort seither hauptamtlich die Matter-Entwicklung leitet. Die Bibliothek bildet inzwischen die Grundlage mehrerer Open-Source-Projekte wie Homebridge und openHAB sowie einiger kommerzieller Produkte. Die Pläne für den Umbau präsentierte Fischer bereits im November 2025 auf dem Member Meeting der Connectivity Standards Alliance, im März 2026 kehrte er dorthin als Träger eines Outstanding Contributor Awards zurück. Die Matter-Integration in Home Assistant erschien nur wenige Wochen nach dem offiziellen Start des Standards 2022, im Jahr 2025 wurden Home Assistant und der Open Home Foundation Matter Server offiziell zertifiziert. Für die Weiterentwicklung erwies sich die Kombination aus Python und C++-SDK jedoch zunehmend als Bremse, die mit den Open-Source-Ambitionen des Projekts nicht Schritt halten konnte.
Die Relevanz des Umbaus zeigt sich an den Nutzungszahlen: Matter läuft mittlerweile in 38 Prozent aller Home-Assistant-Instanzen und belegt Platz zwölf unter allen Integrationen. Dem finalen Release ging eine viermonatige Beta-Phase voraus, in der die Community Fehler meldete und eigene Funktionen beisteuerte. Finanziert wird die Entwicklung über die Open Home Foundation, die sich unter anderem aus den Abonnements von Home Assistant Cloud und dem Verkauf der offiziellen Hardware speist.
Automatische Migration beim ersten Start
Nach dem Update des Apps migriert der neue Server die vorhandenen Daten beim ersten Start automatisch, ein manuelles Eingreifen ist nicht erforderlich. Der Vorgang benötigt je nach Anzahl der Geräte und deren Attributen einige Zeit, der Fortschritt lässt sich im Log verfolgen. Das Projekt empfiehlt ausdrücklich, beim Update die Backup-Option zu aktivieren, um im Fehlerfall auf den alten Stand zurückkehren zu können. Wer die Watchdog-Funktion nutzt und viele Matter-Geräte betreibt, sollte diese für die Erstmigration deaktivieren, damit kein automatischer Neustart den Vorgang unterbricht. Ein Wechsel zurück zum alten Python-Server ist nach der Umstellung nicht mehr vorgesehen, Probleme sollen stattdessen über das GitHub-Repository des Apps gemeldet werden.
Wer bereits an der Beta teilgenommen hat, durchläuft je nach Ausgangsversion eine einmalige Bereinigung. Bei den Beta-Versionen 0.7 und 0.8 entfernt der erste Start lediglich die zurückgebliebenen Migrationsdaten, bei älteren Beta-Ständen laufen Datenmigration und Bereinigung auf zwei aufeinanderfolgende Starts verteilt. Nach abgeschlossener Migration führt der Server einmalig ein vollständiges Interview aller Geräte durch, um den aktuellen Zustand zu erfassen. Bei allen späteren Starts verbindet er sich direkt über die zuletzt bekannten Adressen und fragt in Teil-Interviews nur noch die Daten ab, die sich tatsächlich geändert haben.
Schnellere Starts und zuverlässigere OTA-Updates
Die Vorteile der neuen Architektur zeigen sich vor allem im laufenden Betrieb, da Geräte nach Neustarts deutlich schneller wieder verfügbar sind. Der Server kennt zudem den Netzwerktyp jedes Geräts und berücksichtigt beim Verbindungsaufbau die begrenzte Bandbreite von Thread-Netzwerken, was Umgebungen mit vielen Thread-Geräten spürbar entlastet. Firmware-Updates über Matter wurden ebenfalls überarbeitet: Statt temporärer Knoten im Netzwerk, die beim alten Server regelmäßig Probleme verursachten, ist die Update-Logik nun direkt in den Controller integriert. Mit dem Wechsel unterstützt Home Assistant außerdem die Matter-Spezifikation 1.5.1, die Version 1.6 befindet sich bereits in Entwicklung. Damit ist die Basis für neue Gerätekategorien wie Kameras, Türklingeln und Abdeckungen gelegt. Parallel bringt ein aktualisiertes OpenThread-Border-Router-App die Unterstützung für Thread 1.4.
Die wichtigsten Unterschiede im Überblick
| Python Matter Server (bis 8.x) | Matter Server 9.0 | |
|---|---|---|
| Technische Basis | Python mit offiziellem C++-SDK | matter.js (TypeScript) |
| Matter-Spezifikation | Ältere Spezifikationsstände | Matter 1.5.1, Version 1.6 in Entwicklung |
| Verbindungsaufbau nach Neustart | Vollständiges Interview aller Geräte | Letzte bekannte Adressen und Teil-Interviews |
| Geräte mit Test-/ Entwicklungszertifikat | Standardmäßig zulässig | Nur nach Aktivierung der Option „Test-Net DCL“ |
| Prüfung widerrufener Zertifikate | Nicht vorhanden | Beim Commissioning integriert |
| OTA-Firmware-Updates | Über temporäre Netzwerkknoten | Direkt im Controller integriert |
| Netzwerk-Visualisierung | Nicht vorhanden | Thread- und WLAN-Topologie im Web-UI |
| Ressourcenbedarf | Referenzwert | Etwa doppelter RAM-Bedarf, etwas mehr CPU |
Strengere Prüfungen beim Hinzufügen von Geräten
Beim Commissioning zieht der neue Server die Sicherheitsschrauben an. Geräte mit reinen Test- oder Entwicklungszertifikaten lassen sich nicht mehr standardmäßig hinzufügen, was das Einschleusen manipulierter Hardware in das Matter-Netzwerk erschwert. Wer eigene DIY-Geräte einbinden möchte, muss dafür zunächst die Option „Test-Net DCL“ in den Einstellungen aktivieren. Zusätzlich prüft der Server beim Hinzufügen neuer Geräte, ob deren Zertifikate zwischenzeitlich widerrufen wurden, und behandelt zurückgezogene Zertifikate als ungültig. Praktisch gelöst ist die Offline-Fähigkeit: Ein Grundbestand an Zertifikaten liegt dem Server bereits bei, sodass sich Geräte auch ohne Internetverbindung in Betrieb nehmen lassen. Sobald eine Verbindung besteht, aktualisiert der Server die Zertifikatsdaten im Hintergrund.
Netzwerk-Visualisierung für Thread und WLAN
Die auffälligste Neuerung der überarbeiteten Weboberfläche ist die grafische Darstellung der Netzwerktopologie für Thread- und WLAN-Geräte. Jedes Gerät erscheint als Knoten mit einem Symbol für seine Rolle im Netzwerk, etwa einer Krone für den Leader oder Pfeilen für Router. Die Farbe der Verbindungslinien gibt Auskunft über die Signalqualität, von Grün für stark über Orange und Rot bis Grau für kein Signal. Gerade bei Thread-Netzwerken, in denen Daten über mehrere Zwischenstationen zum Border Router gelangen und die Geräte ihre Routen selbst wählen, erleichtert die Ansicht die Fehlersuche erheblich. Wo möglich, erkennt der Server auch die Border Router und zeigt sie in der Übersicht an. Bei WLAN-Geräten wird sichtbar, welches Gerät mit welchem Access Point verbunden ist und wie gut die Signalqualität ausfällt. Vereinzelt auftauchende „Unknown Devices“ oder „External Routers“ sind kein Fehler, sondern meist fremde Thread-Geräte außerhalb der eigenen Fabric oder veraltete Meldungen von Batteriegeräten.
Verdoppelter RAM-Bedarf als praktische Konsequenz
Der Komfortgewinn hat einen messbaren Preis, denn der neue Server benötigt etwa doppelt so viel Arbeitsspeicher wie sein Vorgänger und beansprucht auch die CPU etwas stärker. Auf älterer Hardware mit 2 GB RAM kann das zum Engpass werden, insbesondere wenn viele Integrationen und das Energie-Dashboard bereits Speicher belegen. Hinzu kommt die Last durch den Recorder, der die Zustände aller Entitäten fortlaufend in die Datenbank schreibt, was bei messenden Steckdosen mit sekündlichen Werten erhebliche Datenmengen erzeugt. Für einen Raspberry Pi mit Matter-Nutzung sind daher 4 GB Arbeitsspeicher oder mehr die sinnvolle Ausstattung, was auch der Konfiguration des offiziellen Einsteigermodells Home Assistant Green entspricht. Bleiben nach dem ersten Start einzelne Geräte offline, liegt das meist an fehlenden mDNS-Ankündigungen und lässt sich in der Regel durch kurzes Trennen der Stromversorgung des betroffenen Geräts beheben.
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Fazit
Der Wechsel auf matter.js ist der größte Umbau der Matter-Integration seit ihrem Start und zugleich der unauffälligste, denn für die meisten Nutzer beschränkt sich der Aufwand auf ein App-Update mit gesetzter Backup-Option. Dahinter steht ein Fundament, das schnellere Gerätestarts, strengere Zertifikatsprüfungen und mit der Netzwerk-Visualisierung ein lange vermisstes Diagnosewerkzeug liefert. Die Basis für kommende Gerätekategorien wie Kameras und Türklingeln ist damit gelegt. Den Fortschritt bezahlen Nutzer mit einem verdoppelten RAM-Bedarf, der auf Systemen mit 2 GB Arbeitsspeicher zum limitierenden Faktor werden kann. Wer die Migration angeht, sollte zudem wissen, dass es keinen offiziellen Weg zurück zum Python-Server gibt. Unter dem Strich überwiegen die Vorteile deutlich, denn die Matter-Integration steht damit erstmals vollständig unter der Kontrolle der Open Home Foundation.
Quellenverzeichnis:
- Home Assistant Blog: „The Matter upgrade you've been waiting for“ (Ingo Fischer, 23.06.2026) – home-assistant.io
- GitHub home-assistant/addons: „Python Matter Server v8.x → matter.js-based Matter Server 9.0+ Migration FAQ“ – github.com
- matter-smarthome.de: „Home Assistant's New Matter Server Is a Game-Changer“ – matter-smarthome.de
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